Sehr geehrter Herr Nelius,

Mein Name ist M., ich komme aus Afghanistan. Sie haben mich kürzlich kennengelernt, als ich mit der Gruppe Asylsuchender aus Buchen von Ihnen im Landtag in Stuttgart empfangen wurde. Ich hatte dabei einige Fragen an Sie gerichtet bezüglich unserer speziellen Situation als Flüchtlinge aus Afghanistan in Deutschland und Sie hatten mich aufgefordert, mein Anliegen und meine Gedanken mal schriftlich niederzulegen und Ihnen dann zu schicken. Das möchte ich jetzt hiermit tun.

Ich habe meine ehrenamtliche Betreuerin in Buchen-Götzingen gebeten, mit mir zusammen dieses Papier für Sie zu erstellen und sie schreibt es für mich in Maschinenschrift, damit Sie es schneller lesen können und damit besser verstehen, was ich meine. Ich hoffe, dass das so in Ihrem Sinne ist.

Ich habe in Afghanistan 12 Jahre die Schule und Gymnasium besucht und nach meinem Abschluss dort an der Universität in Ghazni von 2009 bis 2011 die Fachrichtung Mathematik und Chemie studiert. Während dieser zwei Jahre habe ich neben dem Studium bereits als Lehrer für Ernährung und Sport gearbeitet.

Dann kam diese schreckliche Tragödie über meine Familie: Die Taliban kamen und haben uns aufgefordert, unser Haus und Garten zu verlassen. Weil wir das nicht wollten, haben sie zuerst meinen ältesten Bruder (Polizist) umgebracht und dann meinen Vater und die ganze Familie mit dem Tode bedroht, nachdem sie auch meinen Bruder Mostafa schwer verletzt haben. Es blieb uns nur die Flucht, wenn wir unsere Leben retten wollten. Dafür aber brauchten wir Geld, was wir nicht hatten, nur etwas Land. Deshalb hatten wir unsere Cousine gebeten, dieses Land uns abzukaufen, damit wir unsere Flucht finanzieren könnten.

Schrecklicherweise mussten wir nun erfahren, dass sie mit einem Taliban-Mann verbunden war, mit dem sie dann gekommen ist und uns erklärte, dass uns gar nichts gehöre und wir fortgehen sollten wenn uns unser Leben lieb ist! Jetzt wussten wir also, warum man uns auch töten will und dass wir ganz schnell weggehen müssen.

Wir sind dann in den Iran geflohen. Dort vor der Grenze hat uns ein Mann versprochen, uns sicher in den Iran zu bringen und dafür unsere Ausweise abgenommen, mit dem Versprechen, dass wir sie nach der Grenze wiederbekommen sollen. Das ist aber leider nicht passiert, sondern wir wurden verhaftet. Mein jetzt ältester Bruder und seine Familie dort über eine Woche im Gefängnis gehalten und dann zurück nach Afghanistan geschickt. Er war ebenfalls Polizist wie unser ermordeter Bruder. Sein ältester Sohn,  meine Mutter und mein anderer Bruder mit seiner Frau und ich saßen in einem anderen Fahrzeug und wir wurden nach langen Kontrollen freigelassen und wir haben dann erst einmal im Iran bleiben können und abgewartet, ob unser Bruder mit seiner Familie doch noch nachkommen könnte. Er kam dann aber später alleine, um seinen Sohn zu suchen. Für seine Frau und die kleinen Kinder war ein nochmaliger Fluchtversuch zu gefährlich und das Geld hätte nicht ausgereicht. Er hat sie zu ihrem Vater in Kabul gebracht, wo sie noch heute leben in bitterer Armut, Not und ständiger Angst.

Wir haben dann zusammen vier Jahre im Iran verbracht, dort gearbeitet soweit möglich, um zu leben, so gut es ging. Aber es gab keine Zukunft für uns im Iran, weil wir weder dort Asyl bekommen konnten noch ich meine Ausbildung zu Ende machen konnte. Es gab mittlerweile auch so viele afghanische Menschen im Iran, sie wollten uns auf keinen Fall dort behalten und es ging uns sehr schlecht.

Deshalb sind wir weiter geflüchtet und nachdem wir fast über ein Jahr unterwegs waren, dann im Juli 2015 in Deutschland angekommen, von Karlsruhe aus sind wir dann nach Buchen-Götzingen verlegt worden, wo wir noch heute wohnen.

Dort haben wir erst einmal viel Hilfe von einigen ehrenamtlichen Helfern bekommen und wir konnten durch diese Lehrer auch anfangen, die deutsche Sprache zu lernen. Ich habe dann im März 2016 eine FSJ-Stelle bekommen und jetzt ein Jahr Sozialarbeit mit Hilfe der Stadt Buchen bei der Caritas gemacht. Dadurch hatte ich auch das Anrecht auf einen Integrations-Sprachkurs erworben, den ich diesen Monat mit der Prüfung BI abge-schlossen habe. Jetzt gehe ich noch weiter in diesen Kurs und lerne über das „Leben in Deutschland“, aber ich suche jetzt auch dringend einen Ausbildungsplatz.

Inzwischen nehme ich regelmäßig am Mannschaftstraining der Volleyball-Mannschaft des TSV Buchen teil und habe auch einige Freunde gefunden. Meine Brüder und mein Neffe spielen regelmäßig Fußball in Götzingen und wir haben schon viel gelernt über das ganz andere Leben hier in Deutschland,

Jetzt komme ich aber zu meinem Anliegen an Sie, lieber Herr Nelius:

Meine Familie und ich, wir sind außerordentlich dankbar dem deutschen Staat gegenüber, das wir hier aufgenommen wurden – aber vor allem auch den vielen deutschen Menschen, die uns hier so sehr geholfen haben und es noch tun.

Aber auch jetzt in Deutschland leben wir doch weiterhin in großer und permanenter Angst um unser Bleiberecht und damit um unsere Zukunft und Leben, das Trauma geht also immer noch weiter:

Wir afghanischen Flüchtlinge müssen jeden Tag in den Medien und bei jedem Gespräch und in jeder behördlichen Situation erleben, dass wir Flüchtlinge zweiter Klasse sind. Wir werden aus Sprach- und Integrationskursen ausgeschlossen, weil die Politik in Deutschland immer noch auf dem Standpunkt steht, dass in Afghanistan ja kein wirklicher Krieg herrsche, dass es uns also durchaus zuzumuten wäre, in unser Land zurückzukehren. Für uns gibt es aber keinen Platz in Afghanistan, an dem wir nicht fürchten müssen, wieder von den Taliban und ihren Anhängern und Günstlingen bedroht, beraubt, gefoltert oder gar zu Tode gebracht zu werden!

Dies gilt insbesondere für meine eigene Familie, aber ebenso auch für die anderen Familien aus Afghanistan, die mit uns in Götzingen leben:

Wir sind drei Familien aus den unterschiedlichsten Regionen und wir sprechen jeweils eine etwas andere Sprache, aber wir haben alle ein ähnliches Schicksal erlitten und stehen alle in der gleichen Gefahr: Wer dort überlebt hat, aber fliehen konnte, und dann zurückkehrt in dieses Taliban-gesteuerte Land, der ist nirgendwo mehr sicher: Wir sind deren Feinde und wir würden gnadenlos verfolgt!

Teile unserer Familie, die trotzdem noch in Afghanistan überleben konnten, können dort nur unter den schwierigsten Umständen sich am Leben erhalten, stehen teilweise unter Taliban-Herrschaft oder müssen zumindest jeden Tag damit rechnen, deren Opfer zu werden. So schnell sich die herrschende Lage von Woche zu Woche ändert, so häufig fliegen nicht nur die Bomben in den Städten und Dörfern hoch. Letzte Woche erst hat das Internationale Rote Kreuz 6 Mitarbeiter in Kabul verloren, die einfach erschossen wurden. Daraufhin hat sich das IRK jetzt aus Kabul ganz zurückgezogen, weil sie ihre eigenen Helfer nicht weiter gefährdet sehen möchten!

Frieden im Sinne von Nicht-Kriegszustand sieht anders aus!!!

Ich möchte Sie im Namen der afghanischen Flüchtlinge, insbesondere der unzähligen Familien mit ebenso unschuldigen Kindern, von ganzem Herzen bitten:

Machen Sie alles was möglich ist, um Ihre politischen Freunde, Kollegen und auch Gegner davon zu überzeugen, dass wir doch dringend schutzbedürftig und ebenso schutzwürdig sind, dass wir keine Gefahr darstellen für die deutsche Kultur noch für die deutsche Bevölkerung. Im Gegenteil: Wir wünschen uns nichts mehr als hier in Ihrem Land in Frieden zu leben, zu arbeiten, vielleicht zu studieren – und mit Ihnen zusammen ein gutes Leben in Freiheit und Menschenwürde zu haben.

Dafür und für Ihre freundliche Aufmerksamkeit für unsere Probleme und Nöte bedanke ich mich von Herzen – im Namen der ganzen afghanischen Community.

Ihr

M.J.    aus Afghanistan